
„Lass dich nicht so hängen, steh auf und kämpfe.“
Solche oder ähnliche Sätze bekommen Menschen, die von Depressionen betroffen sind, oft zu hören. Ich musste mir das auch schon anhören und schwankte daraufhin hin und her zwischen Wut auf diese Person und diesen dummen Satz, Enttäuschung, weil ich mir von diesem Menschen mehr erwartet hatte, und auch Selbstvorwürfen, weil ich mich möglicherweise wirklich einfach nur mehr anstrengen müsste, um wieder „in die Spur zu kommen“.
Was natürlich Blödsinn ist. Ich hatte schon über viele Jahre, genau genommen über Jahrzehnte gegen die Depression angekämpft, anfangs ohne auch nur im geringsten zu ahnen, dass ich daran erkrankt war.
Ich war lediglich immer müde und erschöpft, manchmal so sehr, dass es nicht nur einmal passiert ist, dass ich mich während des Essens auf der Eckbank hinlegen musste, sonst wäre ich über meinem Teller eingeschlafen.
Gleichzeitig hatte ich Schlafstörungen, habe über Wochen und Monate hinweg nur zwei bis drei Stunden pro Nacht geschlafen, und das auch nicht am Stück.
Ich hatte Phasen, in denen mir nichts mehr Freude gemacht hat, weder das Schreiben noch das Fotografieren oder das Lesen, in denen ich mich zu nichts aufraffen konnte und ich nur dasaß und sich alles leer und sinnlos anfühlte.
Wie oft hatte ich mich auf freie Tage gefreut und mir vorgestellt, was ich alles machen würde. – Und wenn ich dann tatsächlich frei hatte, habe ich nichts von alldem getan, weil ich mich nicht aufraffen konnte.
„Wozu das alles?“, habe ich mich dann immer gefragt. „Es interessiert doch ohnehin niemanden, was ich tue. Warum soll ich fotografieren, wenn die Bilder ohnehin nur auf der Festplatte verrotten.“
Trotzdem habe ich immer funktioniert, habe die gut Gelaunte gespielt, um mir nichts anmerken zu lassen.


Ich war eingesperrt in mir selbst und gleichzeitig ausgesperrt von mir selbst, wäre am liebsten vor mir selbst und dem Leben geflohen, weil es sich so unerträglich anfühlte, weil es so weh tat, Ich zu sein.
Das liest sich vermutlich, als hätte ich Suizidgedanken gehabt, aber die hatte ich zum Glück nie, nicht eine Sekunde lang. Obwohl sich das Leben manchmal unerträglich anfühlte, war Selbstmord für mich nie eine Option, und dafür bin ich dankbar.
2011 hatte ich meinen ersten Zusammenbruch und war etwa ein Dreivierteljahr in ambulanter Therapie. Danach ging es mir bedeutend besser und ich dachte, ich hätte alles im Griff.
Doch 2024 hat es mir wieder den Boden unter den Füßen weggezogen, und zwar deutlich heftiger als dreizehn Jahre zuvor, und zum ersten Mal nehme ich nun ein Antidepressivum. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, wollte alles aus eigener Kraft schaffen, aber schließlich habe ich mir eingestanden, dass ich es eben nicht allein schaffe und es legitim ist, mir von meinen „Happy Pills“, wie ich sie nenne, helfen zu lassen.
Die Nebenwirkungen sind zwar auch nicht ohne, aber sie helfen mir tatsächlich.
Wie es weiter geht? Das wird sich herausstellen.
Momentan bleibt mir nur die Hoffnung, dass sich das Leben irgendwann auch ohne Pillen wieder gut anfühlen wird.
