Mein Autorinnen-Ich
Lesen konnte ich schon ziemlich früh, genauer gesagt im Kindergarten, und es wurde prompt meine Lieblingsbeschäftigung.
Als ich dann auch noch schreiben konnte, dauerte es nicht lange, und das Geschichtenschreiben wurde zu meiner zweiten Lieblingsbeschäftigung.
Meinen ersten Roman habe ich in der fünften Klasse begonnen. „Hurricane, der schwarze Teufel“ war der – wie ich damals fand – großartige, vielversprechende und vor Abenteuer nur so sprühende Titel, und die Helden darin waren Jeremy, der Sohn eines Farmers irgendwo in den USA, und Hurricane, ein schwarzer Hengst, der natürlich zu Jeremys bestem Freund wird.
Leider wurde aus Hurricane erst ein laues Lüftchen und dann eine Flaute, die ungefähr 1982 für alle Zeiten ihr Leben aushauchte.

Etwa mit 18 oder 19 Jahren habe ich dann mein großes Fantasy-Epos in Angriff genommen, das – wie es in diesem Genre so üblich ist – ungefähr 1200 Seiten in drei Bänden umfasst.
Umfassen wird.
Umfassen sollte.
Denn richtig – fertig ist es bis heute nicht. Dafür hat es schon mehrere, mehr oder weniger tiefgreifende Änderungen erfahren, die es zumindest von Fassung zu Fassung immer etwas lesbarer gemacht haben. Allerdings darf ich dabei nicht daran denken, welche furchtbaren Fassungen ich anderen Menschen zu lesen gegeben habe.
Der Gedanke daran treibt mir immer noch die Schamesröte ins Gesicht.
Kurzum: Romanversuch Nr. 1 gescheitert.
„Papierkorb: Das ist das wichtigste Haustier des Schriftstellers.“
Ottfried Preußler
Aber dann meinte es das Schicksal doch ganz gut mit mir und langer Rede, kurzer Sinn: In 2005 hatte ich meine erste Veröffentlichung.
Volker Uhl, Gründer der „Polizeipoeten“, hatte mich eingeladen, bei seiner ersten Kurzgeschichtensammlung dabei zu sein, und ich war natürlich Feuer und Flamme. Meine Kurzgeschichte „Gerechtigkeit“ schaffte es auch tatsächlich in den Sammelband mit dem Titel „Die erste Leiche vergisst man nicht“, und weil das Ganze im Piper-Verlag erschien, dachte ich mir prompt: „Das wird mein Durchbruch!“ Piper wird natürlich sofort erkennen, welch großartiges Talent in mir steckt und sie werden mich unter Vertrag nehmen.
Leider hat bei Piper niemand so genau hingeschaut (oder vielleicht doch …) und sie haben mich nicht unter Vertrag genommen. Okay, womit auch? Vielleicht mit meinem Fantasy-Epos? Ich hatte zwar kurz tatsächlich überlegt, das an Piper zu schicken, habe es dann aber doch unterlassen.

Irgendwann zu Beginn der 2010er Jahre fand sich aber tatsächlich ein Online-Kleinst-Verlag, der das Epos in einzelnen Episoden von ca. 100 Seite herausbringen wollte.
Aber da ich eine Lektorin zugesprochen bekam, die garantiert noch nie in ihrem Leben einen Fantasyroman gelesen hatte und ironische bis verächtliche Anmerkungen machte, beendete ich die Zusammenarbeit nach der zweiten Episode. Eine solche Behandlung hatten weder Autorin noch Helden verdient.
(Fun Fact am Rande: Auch in diesem Werk spielt wieder ein schwarzer Hengst mit. Er hat zwar keine Haupt- aber doch eine größere Nebenrolle und heißt nicht Hurricane, sondern Nachtlied, aber er führt sich manchmal auf wie ein schwarzer Teufel. Irgendwie bleibe ich meiner Linie treu.)
Fazit: Romanversuch Nr. 2 ebenfalls gescheitert.
(Unbekannt)
„Sei vorsichtig, was du dir wünschst. – Es könnte in Erfüllung gehen.“
2012 schaffte es meine Kurzgeschichte „Spiel nicht mit den Kellerkindern“ in die Sammlung der Siegergeschichten der Story-Olympiade 2011/2012, und 2016 wurde mein großer Traum tatsächlich wahr: Mein erster Kriminalroman erblickte das Licht der Welt.
Und zwar nicht per Selfpublishing, sondern bei einem der großen deutschen Publikumsverlage, nämlich Ullstein. „Verletzung“ hieß er und war der erste Band um die Münchner Kripo-Beamtin Antonia „Toni“ Stieglitz.
Nun wähnte ich mich am Ziel meiner Träume, sah mich schon die Beststellerlisten stürmen, meinen Hauptberuf zum Nebenerwerb machen und … natürlich kam es nicht einmal annähernd so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Zwar durfte ich noch zwei weitere Toni-Stieglitz-Romane für Ullstein schreiben, aber da bereits der erste Band nicht die erhofften Verkaufszahlen brachte und die beiden Folgebände sich noch schlechter verkauften, nahm Ullstein die Bücher bald aus dem Programm und verramschte sie.
Dass ich mir tatsächlich eine kleine Fangemeinde erschrieben und erlesen habe (ich liebe Lesungen, auch wenn ich davor regelmäßig an Lampenfieber sterbe), half leider nicht.
An dieser Stelle aber tausend Dank an alle, die mich so treu unterstützt haben und sogar Briefe an Ullstein schreiben wollten, damit die Serie weiter geht. Das hat mich wirklich sehr gerührt und unheimlich gefreut.
„Ja, was wollen Sie denn? Ja, was soll denn das?“
(König Ludwig II von Bayern, als ihn in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1886 drei Irrenpfleger am Arm packten, um ihn nach Schloss Berg zu bringen.)
Das Aus meiner Serie, die ernüchternde Realität des Verlagswesens und des Daseins als unbekannte Autorin sowie als Krönung eine ziemlich unerfreuliche, um nicht zu sagen erniedrigende Episode mit einer Münchner Literaturagentur haben dazu beigetragen, dass meine Schreibmotivation gegen Null sank und ich das Schreiben komplett aufgeben wollte.
Die vielen Kurzgeschichten, die ich für diverse Anthologien schreiben durfte, und die teilweise sehr gute Kritiken bekamen, konnten meine Selbstzweifel leider nicht einmal im Ansatz ersticken.
Jetzt, im Nachhinein ist mir klar, dass ich damals immer tiefer in eine Depression gerutscht bin und ich meine ganzen Energien dazu aufgewendet habe, zu funktionieren, sprich jeden Tag aufzustehen und in den Dienst zu gehen und mir nichts anmerken zu lassen.
Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, sollte jedem klar sein. Außer, man ist davon betroffen, dann kapiert man es in der Regel als Letzter. Ich hab es erst bemerkt, als es mir den Stecker gezogen hat und ich wirklich nicht mehr konnte und mir Hilfe geholt habe.

Natürlich war dadurch nicht von heute auf morgen alles gut und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis es mir wirklich besser geht, aber immerhin ging es mit dem Schreiben weiter.
Manche Dinge brauchen etwas mehr Zeit als andere. Stunden, Tage, Wochen, Monate oder Jahre. Manchmal auch Jahrzehnte. So wie bei meinem Ludwig-Roman. Den trage ich schon etwa zweieinhalb Jahrzehnte mit mir herum, wenn nicht sogar noch länger. Ich habe mehrfach angefangen und immer wieder aufgehört, weil es einfach nicht gepasst hat.
Und jetzt?
Jetzt scheint es zu passen. Jedenfalls fühlt es sich besser an und ich habe endlich richtig Lust und Motivation, an diesem Roman zu arbeiten.
Und was mich besonders freut: Es sieht so aus, als ob Ludwig ein Zuhause bei einem ganz wunderbaren Münchner Verlag bekommen könnte. Da ich aber ungern über ungelegte Eier gackere, will ich es bei diesen vagen Konjunktivaussagen belassen.